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Zwischen Bühne und Heimatmeer

Ein Gespräch mit der Schauspielerin Johanna Emil Fülle

 

 

Sie sind gerade in Ihre dritte Spielzeit gestartet und können schon auf einige Rollen zurück blicken z.B. auf Hanna, Susanne, Schufterle, Franziska , Fräulein Schulz, Julie, Elke, Camille, eine singende Frau, Margarete ... Welche war Ihnen die liebste?

Oh, das ist schwer ... Jede Rolle war zu der Zeit, als ich sie bekommen habe, richtig für mich. Die Franziska war perfekt zu dem Zeitpunkt, als ich sie spielen durfte. Das Fräulein Julie hätte ich mir in meiner ersten Spielzeit gar nicht zugetrautdiese Einstiege und Ausstiege, das Reden mit dem Publikum, die Improvisationen und das Cellospielen auf der Bühne. Elke Volkerts danach war, auch durch das Zusammenspiel mit Kai Börner, fast schon entspannend. Beim Liederabend habe ich den Mut gewonnen, öffentlich Solo zu singen. Vieles hat für mich extrem mit dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu tun. Das entwickelt sich erst bei der Arbeit, beim Machen. Wichtig war außerdem, welche Kollegen ich jeweils kennengelernt habe und dass ich, auch hier, tolle Lehrer wie Dan Velea fürs Cello und Cornelia Zink für den Gesang zur Seite gestellt bekommen habe.


 

Sie besuchten ein Musikgymnasium, spielen drei Instrumente, haben sich mit Musikwissenschaft beschäftigt. Auf welchem Weg kam das Theater in Ihren Lebensweg?

Vor dem Abi war mein Berufswunsch Opernregisseurin, weil ich Musik, das Nachdenken und auch die Analyse von Musik sehr spannend fand. Aber ich bin auch ein großer Sprachfan. Und so habe ich erst mal Germanistik und Anglistik studiert, später dazu noch Musikwissenschaft. Dann hat mich zunehmend die Theaterregie interessiert. Mir schien, dass sich Sprache leichter in verschiedene Zeiten transportieren lässt. Weil ich aber für ein Studium der Theaterregie noch zu jung war – ich war erst 19 – habe ich mich dann an Schauspielschulen beworben und schließlich in Hamburg Schauspiel studiert.


 

Was reizt Sie am Theaterspielen?

Menschen zu zeigen. Dass ich Papier zu Fleisch machen kann und dass die Leute auf der anderen Seite sagen: Goethe und Schiller haben über Menschen geschrieben und die haben etwas mit mir zu tun. Und natürlich ist das Live-Erlebnis des Theaters etwas Großartiges, denn jeder Abend ist anders.


 

Inwieweit inspiriert Sie heute das wissenschaftliche Hinterland von Stücken und Figuren bei der Entwicklung ihrer Rollen?

Ich lese viel, das ist immer noch der Anfang. Aber das Papier soll zu Fleisch werden, soll zu einem – meinem – Körper werden. Und so lese ich nicht nur wissenschaftliche Literatur, sondern auch vieles andere, zum Beispiel Romane, die mich inspirieren. Oder ich fahre nach Schweden ...


 

Warum das?

In meiner Vorbereitung zu „Fräulein Julie“ bin ich zur Mittsommernacht nach Schweden gereist. Diese Nacht, in der die Sonne nicht untergeht, wird heute noch immer gefeiert wie zu Strindbergs Zeit. Dieses Erlebnis hat mir geholfen, das Stück besser zu verstehen.


 

Sie sind geboren und aufgewachsen in der Hansestadt Demmin. Würden Sie Norddeutschland als ihre Heimat bezeichnen?

Im Moment ist es ein Sehnsuchtsort. Dort bin ich gern, wenn ich Ruhe brauche und Energie auftanken will. Ich mag die Ostsee, die Kargheit der Menschen. Aber immer dort leben möchte ich nicht. Ich mag den Wechsel.


 

Was bedeutet für Sie Heimat?

Das ist für mich ein schwieriger Begriff, weil er eine Abgrenzung zum Fremdsein ist. Ich gehöre zu der Generation, die viel reist, für die Ausbildung, den Beruf. Da löst sich der Begriff Heimat vom Ort. Menschen werden zu Ankerpunkten. Es sind Menschen, zu denen ich zurück kann, die Familie, mein Freund.


 

Was interessiert Sie daran, in Cottbus Theater zu spielen?

Ich mag das Berufsumfeld, auch in der Form, dass es fast familiär ist. Ich mag die Nähe zu den Leuten, die hier eine so enge Bindung an das Theater haben und immer wieder kommen und einen sehen wollen. Zudem sind die Möglichkeiten als Anfängerin an einem solchen Haus großartig.


 

Was hat es mit ihrem zweiten Vornamen auf sich, ein einprägsamer Künstlername?

Er ist entstanden vor meinem Wunsch, Künstlerin zu werden. Mein Großvater hieß Emil. Er war ein toller Mensch, ein Vorbild. Als Landarzt war er den Menschen zugewandt, klug, belesen, verständnisvoll. Er ist, kurz nachdem er aufgehört hatte zu arbeiten, mit Anfang 70, schwer erkrankt und für mich zu früh gestorben. Der Name bleibt für mich eine stete Erinnerung an ihn. Er bleibt bei mir, auch wenn er nicht mehr da ist – das hat auch mit Heimat zu tun.


 

Welche Träume haben Sie für die Zukunft?

Die Chancen, die ich bekomme, will ich nutzen können. Denn: „Das Glück trifft nur den Vorbereiteten.“ ... Regie führen möchte ich auch mal ... Und ein Haus am Meer ...


 

An welchem?

Na, an der Ostsee. Das ist das „Heimat-Meer“. Ja, dort ist meine Erholungsheimat – die Arbeitsheimat kann und soll woanders sein.

 

Das Gespräch führte Bettina Jantzen.

 

©2010 by Johanna Emil Fülle